Nachhaltige Baumaterialien: Bauen mit Holz, Lehm und Recycling in der Schweiz

Die Bauindustrie ist weltweit für rund 40 Prozent des CO2-Ausstosses verantwortlich. Ein erheblicher Teil davon entfällt auf die sogenannte graue Energie – also die Energie, die für die Herstellung, den Transport und die Entsorgung von Baumaterialien aufgewendet wird. In der Schweiz gewinnt das Thema nachhaltige Baumaterialien zunehmend an Bedeutung. Holzbau, Lehm, Recyclingbeton und andere ökologische Materialien bieten echte Alternativen zu konventionellen Baustoffen und können den CO2-Fussabdruck eines Gebäudes dramatisch reduzieren.

Schweizer Holzbau: Tradition trifft Innovation

Warum Holz der nachhaltigste Baustoff ist

Holz ist der einzige Baustoff, der während seines Wachstums CO2 bindet. Ein Kubikmeter Holz speichert rund eine Tonne CO2. Wenn dieses Holz in einem Gebäude verbaut wird, bleibt das CO2 über die gesamte Lebensdauer des Gebäudes gebunden – typischerweise 80 bis 100 Jahre oder länger. Gleichzeitig benötigt die Holzverarbeitung nur einen Bruchteil der Energie, die für die Herstellung von Beton oder Stahl erforderlich ist.

Die Schweiz verfügt über 1,3 Milliarden Kubikmeter Holzvorrat in ihren Wäldern, und jedes Jahr wächst mehr Holz nach als geerntet wird. Die nachhaltige Nutzung von Schweizer Holz verkürzt Transportwege und stärkt die regionale Wertschöpfung. FSC- und PEFC-Zertifizierungen garantieren eine umweltverträgliche Waldwirtschaft.

Brettsperrholz (CLT) – Massive Holzbauweise

Brettsperrholz (Cross Laminated Timber, CLT) ist ein plattenförmiger Holzbaustoff, bei dem kreuzweise verleimte Brettlagen zu massiven Wand-, Decken- und Dachelementen verbunden werden. CLT ermöglicht den Bau von Gebäuden bis zu 30 Meter Höhe in reiner Holzbauweise. Die hohe Vorfertigung im Werk ermöglicht kurze Bauzeiten vor Ort – ein mehrstöckiges Holzgebäude kann in wenigen Wochen aufgerichtet werden.

Schweizer Holzbauunternehmen wie Erne AG, Blumer Lehmann und Hüsser Holzleimbau sind international führend in der CLT-Technologie. Das Suurstoffi-Areal in Risch-Rotkreuz beherbergt eines der höchsten Holzhochhäuser der Schweiz mit 10 Stockwerken. Die Kosten von CLT-Bauten liegen heute nur noch 5 bis 10 Prozent über vergleichbaren Massivbauten.

Brandschutz im Holzbau

Ein weit verbreitetes Vorurteil lautet, Holzbauten seien brandgefährlich. Die Realität ist differenzierter: Massive Holzkonstruktionen aus CLT oder Brettschichtholz brennen kontrolliert und vorhersehbar. Die Abbrandrate beträgt 0,65 mm pro Minute – bei einer 14 cm dicken CLT-Wand erreicht das Feuer die tragende Kernzone erst nach über einer Stunde. Die Schweizer Brandschutzvorschriften (BSV 2015) erlauben Holzbauten bis zu 30 Meter Höhe und bis Nutzung als Büro- oder Wohngebäude.

Lehm – Der älteste Baustoff der Welt

Lehm erlebt im nachhaltigen Bauen eine Renaissance. Der aus Ton, Schluff, Sand und Wasser bestehende Baustoff reguliert die Luftfeuchtigkeit auf natürliche Weise (Sorptionsfähigkeit), speichert Wärme, ist vollständig recycelbar und enthält keinerlei Schadstoffe. In der Schweiz wird Lehm heute vor allem als Innenputz, Lehmbauplatte und Stampflehmwand eingesetzt.

Lehmputz im Innenbereich ist eine hervorragende Option für ein gesundes Raumklima. Er nimmt überschüssige Feuchtigkeit auf und gibt sie bei trockener Luft wieder ab, was die relative Luftfeuchtigkeit in einem optimalen Bereich von 45 bis 55 Prozent hält. Lehm absorbiert zudem Gerüche und Schadstoffe und bietet einen angenehm warmen Wandkontakt. Schweizer Anbieter wie Lehmwerk AG und Conluto bieten ein breites Sortiment an Lehmbauprodukten.

Recyclingbeton – Kreislaufwirtschaft im Massivbau

In der Schweiz fallen jährlich rund 7 Millionen Tonnen Betonabbruch an. Recyclingbeton verwendet diese Gesteinskörnung aus Abbruchmaterial anstelle von frischem Kies und Sand. Bis zu 50 Prozent der Gesteinskörnung können durch Recyclingmaterial ersetzt werden, ohne dass die Qualität leidet. Einige Schweizer Betonwerke bieten sogar RC-Beton mit bis zu 95 Prozent Recyclinganteil an.

Die ökologischen Vorteile sind erheblich: Reduktion des Kiesabbaus (Schonung natürlicher Landschaften), Reduktion der Transportwege (Abbruchmaterial aus der Umgebung), Reduktion der Deponievolumen und eine insgesamt um 20 bis 30 Prozent geringere graue Energie gegenüber konventionellem Beton. In der Stadt Zürich ist die Verwendung von Recyclingbeton bei städtischen Bauten seit 2005 Standard.

Hanfkalk – Der Carbon-negative Baustoff

Hanfkalk (Hempcrete) ist eine Mischung aus Hanfschäben (dem holzigen Kern der Hanfpflanze) und einem kalkhaltigen Bindemittel. Das Material ist leicht, hat gute Dämmeigenschaften (Lambda 0,06 bis 0,08 W/mK) und eine negative CO2-Bilanz: Der Hanf bindet beim Wachstum mehr CO2, als bei der Herstellung des Bindemittels freigesetzt wird. Zudem carbonatisiert der Kalk über die Lebensdauer und bindet zusätzliches CO2.

Hanfkalk eignet sich als nicht-tragende Ausfachung in Holzrahmenkonstruktionen, als Innendämmung und als Putzträger. Die Wände atmen, regulieren die Feuchtigkeit und bieten ein angenehmes Raumklima. In der Schweiz wächst das Interesse an Hanfkalk, allerdings fehlen noch spezialisierte Verarbeiter, weshalb die Kosten höher liegen als bei konventionellen Materialien.

Strohballenbau

Strohballen als Baumaterial sind in der Schweiz noch wenig verbreitet, bieten aber eine hervorragende Ökobilanz. Stroh ist ein Abfallprodukt der Getreideproduktion, das ohne zusätzlichen Energieaufwand verfügbar ist. Gepresste Strohballen haben einen Lambda-Wert von 0,045 bis 0,065 W/mK und bieten hervorragenden Schallschutz. Die Ballen werden in eine Holzrahmenkonstruktion eingesetzt und beidseitig verputzt (Lehm oder Kalk).

Die Brandschutzanforderungen sind entgegen der Intuition gut erfüllbar: Verputzte Strohballenwände erreichen die Feuerwiderstandsklasse EI 90 (90 Minuten Brandschutz), da die dicht gepressten Ballen unter der Putzschicht kaum Sauerstoff erhalten. In der Schweiz gibt es einzelne Pionierprojekte, darunter Einfamilienhäuser und kleinere Gewerbebauten.

Kork – Natürlich und vielseitig

Kork wird aus der Rinde der Korkeiche gewonnen, ohne den Baum zu fällen – die Rinde wächst alle 9 Jahre nach. Expandierter Kork ist ein hervorragender Dämmstoff (Lambda 0,040 W/mK) mit guten Brandschutzeigenschaften (schwer entflammbar) und einer positiven Ökobilanz. In der Schweiz wird Kork vor allem als Fassadendämmung, Trittschalldämmung und Bodenkorkplatte eingesetzt. Die Kosten sind höher als bei konventionellen Materialien, die Langlebigkeit (praktisch unbegrenzt) und die Ökobilanz kompensieren dies jedoch.

Naturstein aus Schweizer Steinbrüchen

Schweizer Naturstein – ob Gneis aus dem Tessin, Sandstein aus dem Mittelland oder Kalkstein aus dem Jura – ist ein langlebiger und ästhetisch ansprechender Baustoff mit geringer grauer Energie (wenn regional bezogen). Naturstein benötigt keine energieintensive Herstellung, ist vollständig recycelbar und hat eine praktisch unbegrenzte Lebensdauer. Er eignet sich für Fassadenverkleidungen, Bodenbeläge, Treppen und Mauerwerk.

Graue Energie im Vergleich

MaterialGraue Energie (MJ/kg)CO2-Bilanz
Schweizer Holz (CLT)3–5CO2-bindend
Lehm0.5–1Sehr gering
Recyclingbeton0.5–0.8Gering
HanfkalkNegativCO2-negativ
Strohballen0.1–0.3Sehr gering
Konventioneller Beton1.0–1.5Hoch
Stahl20–25Sehr hoch
Aluminium150–200Extrem hoch

Zertifizierungen und Standards

Die KBOB-Empfehlung (Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane des Bundes) stellt umfassende Ökobilanzdaten für Baumaterialien bereit. Diese Daten sind die Grundlage für die Bewertung der grauen Energie in Minergie-ECO-Zertifizierungen und SIA-Nachweisen. Das ecobau-Label kennzeichnet besonders ökologische Bauprodukte, und die Plattform Madaster ermöglicht die Erfassung und Bewertung aller verbauten Materialien in einem digitalen Gebäudematerialpass.

Praxistipp: Holz-Hybrid-Bauweise

Die Kombination von Holz für Wände und Decken mit einem Betonsockel (idealerweise Recyclingbeton) und Lehminnenputz vereint die Stärken aller drei Materialien: statische Tragfähigkeit, CO2-Bindung, Feuchteregulierung und hervorragendes Raumklima.

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