Die Bauwirtschaft ist der grösste Materialverbraucher und Abfallproduzent der Schweiz. Jährlich fallen rund 17 Millionen Tonnen Bauabfälle an – mehr als alle Siedlungsabfälle zusammen. Gleichzeitig werden enorme Mengen an Primärrohstoffen (Kies, Sand, Kalkstein, Metalle) für den Bau neuer Gebäude abgebaut. Die Kreislaufwirtschaft im Bau will diesen linearen Ressourcenfluss durchbrechen und Baumaterialien in geschlossenen Kreisläufen halten.
Der Gebäudematerialpass
Was ist ein Materialpass?
Ein Gebäudematerialpass dokumentiert alle in einem Gebäude verbauten Materialien: Art, Menge, Qualität, Herkunft, Einbaujahr und Rückbaufähigkeit. Er macht das Gebäude zu einem «Materiallager auf Zeit» – mit dem Wissen, welche Rohstoffe am Ende der Nutzungsdauer zurückgewonnen werden können. Der Materialpass ist die Grundlage für Urban Mining und zirkuläres Bauen.
Die Madaster-Plattform
Madaster ist eine internationale Plattform für die Registrierung und Bewertung von Materialien in Gebäuden. In der Schweiz wird Madaster von einer wachsenden Zahl von Bauherren, Architekten und Immobilienunternehmen genutzt. Die Plattform berechnet den materiellen Wert eines Gebäudes (Restmaterialwert am Lebensende), die graue Energie und den CO2-Fussabdruck der verbauten Materialien. So wird der Materialpass zum Instrument der Wertschöpfung: Alte Gebäude sind nicht mehr Abfallproduzenten, sondern Rohstofflieferanten.
Design for Disassembly: Rückbaugerecht planen
Zirkuläres Bauen beginnt bei der Planung. Design for Disassembly (DfD) bedeutet, Gebäude so zu entwerfen, dass sie am Ende ihrer Nutzungsdauer einfach in ihre Bestandteile zerlegt werden können – ohne Zerstörung der Materialien. Dies erfordert ein Umdenken bei Verbindungstechniken: Schrauben statt Kleben, Steckverbindungen statt Verschweissen, trockene statt nasser Verbindungen.
Konkret bedeutet das: Tragwerk und Ausbau sollten voneinander unabhängig sein (Skeleton-Infill-Prinzip). Fassadenelemente sollten mechanisch befestigt statt verklebt werden. Installationen (Elektro, Sanitär, Lüftung) sollten zugänglich und separat rückbaubar sein. Bodenbelag, Innenwandverkleidung und Deckenverkleidung sollten ohne Zerstörung entfernbar sein.
Betonrecycling in der Schweiz
Aktueller Stand
Die Schweiz ist beim Betonrecycling international führend. Rund 80 Prozent des Betonabbruchs werden heute recycelt, allerdings hauptsächlich als Unterlagsmaterial im Strassenbau (Downcycling). Hochwertiges Recycling zu Recyclingbeton (RC-Beton) für den Hochbau macht einen geringeren, aber wachsenden Anteil aus. Die SIA-Norm 2030 regelt die Verwendung von RC-Beton und erlaubt Recyclinganteile von bis zu 50 Prozent für Standardbeton.
Die Stadt Zürich ist Pionierin: Seit 2005 ist RC-Beton bei städtischen Bauten Standard. Das Bundesamt für Strassen (ASTRA) setzt ebenfalls systematisch RC-Beton ein. Private Bauherren können bei fast allen Schweizer Betonwerken RC-Beton bestellen, der Aufpreis gegenüber Frischbeton ist minimal oder gar nicht vorhanden.
Innovationen
Forschungsinstitute wie die ETH Zürich und die Empa arbeiten an Technologien, die das Betonrecycling weiter verbessern. Die selektive Dekarbonisierung von Betonabbruch ermöglicht die Rückgewinnung von Zementstein, der als Rohmehl für neuen Zement verwendet werden kann. CO2-Mineralisierung bindet Kohlendioxid dauerhaft im recycelten Beton. Diese Technologien haben das Potenzial, den CO2-Fussabdruck von Beton um 50 bis 70 Prozent zu reduzieren.
Urban Mining: Die Stadt als Rohstofflager
Urban Mining bezeichnet die systematische Rückgewinnung von Rohstoffen aus dem bestehenden Gebäudepark und der Infrastruktur. In Schweizer Gebäuden sind geschätzte 1,5 Milliarden Tonnen mineralische Rohstoffe und 100 Millionen Tonnen Metalle verbaut. Dieses «anthropogene Lager» ist grösser als die natürlichen Vorkommen der Schweiz.
Beim Rückbau von Gebäuden können wertvolle Materialien gewonnen werden: Metalle (Stahl, Kupfer, Aluminium) haben einen hohen Recyclingwert und werden bereits weitgehend rezykliert. Beton und Mauerwerk können als Gesteinskörnung für RC-Beton oder Unterbau verwendet werden. Holz kann als Energieholz, Spanplattenmaterial oder in manchen Fällen als Konstruktionsholz wiederverwendet werden. Fenster, Türen und Sanitäranlagen können über Re-Use-Plattformen weiterverkauft werden.
Modulares und reversibles Bauen
Modulare Bauweisen ermöglichen eine hohe Flexibilität und erleichtern den späteren Rückbau und die Wiederverwendung. Vorgefertigte Module (Raumzellen, Fassadenelemente, Bad-Pods) werden im Werk präzise hergestellt und auf der Baustelle zusammengefügt. Am Ende der Nutzungsdauer können die Module demontiert und an einem neuen Standort wiederverwendet werden.
In der Schweiz gibt es zunehmend Beispiele für modulares Bauen: Temporäre Wohnüberbauungen für Studierende oder Flüchtlinge, modulare Bürogebäude für Zwischennutzungen und aufstockbare Holzmodulsysteme für die Nachverdichtung. Das System Blumer Lehmann ermöglicht beispielsweise mehrstöckige Aufstockungen in Holzmodulbauweise, die innerhalb weniger Wochen errichtet werden.
Schweizer Pionierbeispiele
K118 in Winterthur
Das Projekt K118 in Winterthur ist eines der weltweit bekanntesten Beispiele für zirkuläres Bauen. Die Halle K118 auf dem Lagerplatz wurde von Bauburo in situ als Experimentierfeld für die Wiederverwendung von Baumaterialien genutzt. Fenster, Fassadenelemente, Treppen und Tragstrukturelemente wurden aus Rückbauobjekten in der Region gewonnen und in die neue Struktur integriert. Das Projekt zeigt, dass Re-Use im grossen Massstab möglich ist und ästhetisch überzeugende Architektur hervorbringen kann.
Weitere Beispiele
Die Überbauung Sue & Til in Zürich verwendet RC-Beton und wiederverwendete Fassadenelemente. Der Neubau der NEST-Forschungsplattform der Empa in Dübendorf testet zirkuläre Bauweisen im Realbetrieb. Die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich hat beim Bau systematisch auf ökologische Materialien und Rückbaufreundlichkeit geachtet.
KBOB-Empfehlungen und regulatorischer Rahmen
Die KBOB-Empfehlung stellt Ökobilanzdaten für Baumaterialien bereit, die als Grundlage für die Bewertung der grauen Energie und des CO2-Fussabdrucks dienen. Die SIA-Norm 2032 regelt die Berechnung der grauen Energie, die SIA 2040 den Effizienzpfad Energie (inkl. Erstellung, Betrieb und Rückbau). Die SIA 2030 ermöglicht die Verwendung von Recyclingbeton im Hochbau.
Auf Bundesebene wird die Kreislaufwirtschaft im Bau zunehmend gefördert. Der Aktionsplan des Bundes zur Ressourceneffizienz im Bausektor sieht vor, dass bis 2030 die Recyclingquote von Bauabfällen auf 90 Prozent gesteigert und der Anteil von Sekundärrohstoffen im Neubau verdoppelt wird. Einige Kantone planen bereits Auflagen für Materialpasse bei grösseren Bauvorhaben.
Zukunftsperspektiven
Die Kreislaufwirtschaft im Bau wird in den kommenden Jahren stark an Bedeutung gewinnen. Treiber sind steigende Rohstoffpreise, strengere Umweltauflagen, wachsendes Bewusstsein bei Bauherren und Investoren sowie technologische Fortschritte bei Sortierung, Aufbereitung und digitaler Dokumentation. Der Gebäudematerialpass wird zum Standard werden. Re-Use-Plattformen für gebrauchte Baumaterialien werden sich etablieren. Und die Planung von Gebäuden wird immer stärker den gesamten Lebenszyklus berücksichtigen – von der Erstellung über den Betrieb bis zum Rückbau und der Wiederverwertung.
Praxistipp: Re-Use-Baumaterialien finden
Plattformen wie «Salza», «Materialnomaden» und «Bauteile wiederverwenden» vermitteln gebrauchte Baumaterialien aus Rückbauprojekten. Achten Sie bei der Wiederverwendung auf die statische Eignung, den Brandschutz und die Schadstofffreiheit der Materialien.
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